Dat Prinzesschen wird Ritterin

Es war einmal ein König, der lebte in einem riesigen Königreich. Es war so groß, dass ein Pferdekurier von der West- bis zur Ostgrenze ganze fünf Jahre brauchte, um einen Brief zuzustellen. Von der Süd- bis zur Nordgrenze und andersrum wurden erst gar keine Briefe versendet, da bis dato noch nie ein Kurier angekommen war bzw. sich niemand daran erinnern konnte, je eine Antwort auf ein Schreiben erhalten zu haben. Der König hatte auch eine Tochter, die er nur warmherzig „dat Prinzesschen“ nannte. Die Königin wurde kurz nach der Geburt det Prinzesschens in den Kerker geworfen. Sie hatte den König mit einem Bediensteten betrogen und war beim Stelldichein ertappt worden. So wuchs dat Prinzesschen ohne Mutter auf, was jedoch nicht weiter schlimm war.

Der König hatte sich immer eine Tochter gewünscht, weil er selbst als Kind die Mädchen um ihre schönen Kleider und ihr Spielzeug beneidet hatte. So schenkte er seiner Tochter alle Holzpuppen und Stoffbauern, die er ergattern konnte. Zum zehnten Geburtstag bekam dat Prinzesschen neben einem Puppenschloss sogar ein eigenes Pony. Außerdem stellte der König insgesamt drei Schneider ein, die die schönsten und feinsten Kleider für dat Prinzesschen anfertigten.

Zu des Königs Verwunderung spielte dat Prinzesschen jedoch lieber mit Holzschwertern und Zinnsoldaten, als mit den Holzpuppen. Da es zudem am liebsten im Wald auf Bäume kletterte, in jede noch so kleine Pfütze sprang und sich alle paar Tage mit einem Jungen raufte, war der Kleiderverschleiß det Prinzesschens so hoch, dass der König bald einen vierten Schneider engagieren musste. Kein Wetter konnte dat Prinzesschen davon abhalten nach draußen zu gehen. Einmal stürmte es so stark, dass der Himmel von fliegenden Dachziegeln verdunkelt wurde und der Pfarrer der Gemeinde erzählte, gleich kämen vier alkoholisierte Reiter, die das Ende des Königreiches einläuten würden. Während sich die Bürger ängstlich unter den Tischen verkrochen und in Schränken versteckten um den Sturm auszusitzen, stand dat Prinzesschen auf dem höchsten Burgturm, brüllte den Wind an und tanzte im Regen.

Der König setzte natürlich alles daran, aus dem Prinzesschen eine feine Dame zu machen. So musste es langwierige Tischmanier-Lehrstunden über sich ergehen lassen und wurde dazu verdonnert, sich wie die anderen Mädchen der Stickerei und Malerei zu widmen.

Bei festlichen Anlässen bestand der König darauf, es an seiner Seite zu haben. Im Vorfeld dieser Feste waren fünf Bedienstete nötig, die die Haare det Prinzesschens herrichteten, es schminkten und parfümierten sowie den Dreck unter seinen Fingernägeln mühsam hervorkratzten. Nach dieser langwierigen Prozedur musste dat Prinzesschen seine letzte Kraft darauf verwenden, den Gästen des Königs zuzulächeln und die Kopfschmerzen vom Parfumduft zu unterdrücken.
Nachdem die letzten Gäste gegangen waren, schälte sich dat Prinzesschen so schnell es ging aus seinem Kleid heraus und fiel erschöpft ins Bett. Am nächsten Morgen rannte es dann stundenlang glücklich und befreit durch den Wald und genoss die frische Luft.

Als dat Prinzesschen mit der Schule fertig war, traf es eine Entscheidung. Anstatt einen gutaussehenden Prinzen zu heiraten, zwei oder drei Kinder zu bekommen und irgendwann Königin zu werden, wie sein Vater es sich wünschte, entschied sich dat Prinzesschen dafür, Ritterin zu werden. Es wollte mit einem großen Schlachtross und schwerer Rüstung die Grenzen des Königreiches bewachen und wenn nötig auch in den Krieg ziehen.

Dat Prinzesschen erzählte dem König von seinem Traum. Hätte er nicht gewusst, dass es seiner Tochter absolut ernst damit war, wäre er sicherlich in schallendes Gelächter ausgebrochen. Einen weiblichen Ritter, also sozusagen eine Ritterin, hatte es noch nie gegeben. Doch auch wenn der König sah, dass sich seine Tochter nichts sehnlicher wünschte, musste er ihr eine Abfuhr erteilen. Nicht nur verlangten die Sitten und Normen der Zeit danach, dat Prinzesschen machte mit seiner Entscheidung auch die Pläne des Königs zunichte und stellte sein Weltbild in Frage. Seiner Meinung nach waren Frauen einem echten Ritter körperlich und geistig nicht gewachsen. Daher meinte der König, dat Prinzesschen solle dieses Hirngespinst lieber schnell vergessen und sich wichtigeren, damenhafteren Dingen zuwenden, zum Beispiel der Mode oder dem Klatsch und Tratsch. Er würde ihm nie erlauben Teil seiner stolzen Armee zu werden. Dat Prinzesschen wollte sich dem natürlich nicht beugen und stritt heftig mit seinem Vater. Dieser ließ sich jedoch von seinem Entschluss nicht abbringen.

Dat Prinzesschen war über die Einstellung seines Vaters so verärgert, dass es auf sein Zimmer rannte, sein Hab und Gut zusammenpackte und in die Nacht verschwand. Der König ließ dat Prinzesschen die kommenden Monate überall suchen und setzte eine hohe Belohnung für denjenigen aus, der es lebend und unverletzt zu ihm zurückbrachte. Aber alle Mühe war vergebens, dat Prinzesschen blieb wie vom Waldboden verschluckt.

Dunkle Zeiten brachen über das Königreich herein. Der König versank wegen des Verlustes seiner Tochter in eine tiefe Depression und war des Regierens müde. Die schlechte Stimmung des Staatsoberhaupts schlug sich auch auf die Bürger nieder, die demotiviert und monoton ihr Tagewerk verrichteten. Angelockt von der Lust- und Mutlosigkeit der Bevölkerung fiel alsbald eine feindliche Armee, bekannt als die Kohlarmee, in das Königreich ein. Über die Grenzen des Königreiches hinaus war diese Armee von jedermann gefürchtet und verachtet. Angeführt vom schrecklichen Prinz Blumenkohl lebte diese Streitmacht von Plünderei und Brandschatzung. Ihre Soldaten, sofern man sie so nennen konnte, waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Strafgefangenen, Henkern, Rotkohlverkäufern und Verbannten. Jeder einzelne von ihnen beherrschte es vortrefflich, Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Bauern des Königreiches flohen in Scharen aus ihren Dörfern und suchten Zuflucht in der Burg des Königs.

Der König entsandte selbstverständlich seine eigene Armee, die den Heerscharen des Prinzen Blumenkohl jedoch nichts entgegenzusetzen hatte. Die Soldaten zitterten vor Angst am ganzen Körper, wenn sie das Kampfgeschrei und die Trommeln der Kohlarmee hörten. Diese war berüchtigt dafür, Leib und Leben nicht zu schonen und keine Gefangenen zu machen. Zudem verbreitete die Kohlarmee meilenweit einen Gestank, der so ekelerregend war, dass man nicht nur seine Nase rümpfen, sondern vor Übelkeit auf die Knie fiel und sich erbrechen musste, bis man nur noch Galle spuckte. Der abscheuliche Geruch kam von den Ausdünstungen der Soldaten, die tagein tagaus nichts anderes als Kohlsuppe verzehrten. Die Mannen des Königs suchten deshalb mit Nasenklammern Schutz hinter den Burgmauern, bevor es auch nur zu einem kleinen Scharmützel kommen konnte.

Der König scharte die weisesten Männer des Königreiches zur Beratung um sich. Alle waren sich einig, dass sie der Belagerung der Burg nicht mehr lange würden standhalten können und es nur eine Frage der Zeit war, bis Prinz Blumenkohl zum Angriff blasen würde.

In all der Angst und Verzweiflung war es ein Dienstmädchen, die sich vor der langen Tafel aufbaute, die Hände in die Hüften stemmte und die Anwesenden dazu aufrief, mutig ihren Mann zu stehen. Sie berichtete, dass sie von einer Armee aus Freiwilligen gehört hatte, die von einem furchtlosen und kämpferischen Mann angeführt wurde, welcher ein Meister der Kriegskunst war. Diese Armee half überall da, wo Leib und Leben von Unschuldigen in Gefahr war. Das Markenzeichen waren blaue Kopfbedeckungen, die die Freiwilligen trugen, weshalb sie auch als die Blauhüte bekannt waren.
Ihr Anführer hatte den Ruf eines ausgezeichneten Strategen. Darüber hinaus war ihm niemand im Schwertkampf gewachsen und man erzählte sich, dass er zudem ein vortrefflicher Schütze war, der mit der Armbrust, Pfeil und Bogen, der Steinschleuder und sogar dem Spuckrohr jedes noch so kleine Ziel treffen konnte.

Unter den Freiwilligen hatte er nur die besten Männer versammelt und jeden höchstpersönlich ausgebildet. Außer über seine Leistungen und Tapferkeit war wenig über ihn selbst bekannt. Er nannte sich Johann von Polen und war vor etwa einem Jahr wie aus dem Nichts aufgetaucht. Nur zum Schlafen nahm er seine schwere goldene Rüstung ab. Meist trug er einen Helm oder zumindest einen Hut mit tiefer Krempe. Der König zögerte nicht lange und entschied, die Blauhüte um Hilfe zu bitten. Schnell wurde eine Briefamsel losgeschickt, um Johann von Polen zu benachrichtigen.

Derweil begann die Kohlarmee, die Burg mit faulem Wirsingkohl zu beschießen. Prinz Blumenkohl erhoffte sich davon, dass die Menschen den Wirsingkohl aßen, davon krank wurden und noch leichtere Gegner im Zweikampf sein würden. Dieser teuflische Plan ging jedoch nicht auf, denn der Wirsingkohl wurde auf der anderen Seite der Mauer sofort verbrannt.
Drei Tage später befand Prinz Blumenkohl, dass nunmehr wohl auch der letzte Soldat des Königs mit Bauchschmerzen auf dem Krankenbett liegen müsste und ordnete daher an, den Wirsingkohlbeschuss einzustellen und zum Angriff überzugehen. Als erstes attackierte die Kohlarmee das Burgtor, indem die Soldaten einen riesigen Baumstamm auf Rädern immer wieder dagegen rammten. Die schweren Holzbalken des Tores ächzten bei jedem Aufprall.

Als das Tor jeden Moment zu bersten drohte, sah der König am Horizont etwas Goldenes aufblitzen. Es war Johann von Polen, der mit seinen Blauhüten angeritten kam. Mit lautem Gebrüll griffen seine Reiter die Kohlarmee an. Vom höchsten Burgturm aus verfolgte der König den Verlauf der Schlacht. Ein Ritter stach besonders heraus. Johann von Polen pflügte sich mit seinem Schwert durch die Mannen der Kohlarmee wie ein Bauer mit seiner Hacke durch ein Kohlrabifeld. Mit einer geschickten Zangenbewegung kesselten er und seine Leute die Kohlarmee ein.

Schon bald standen sich Prinz Blumenkohl und Johann von Polen mit gezückten Schwertern gegenüber. Zur großen Überraschung aller ließ Johann von Polen plötzlich sein Schwert fallen und hob vom Boden einen langen Ast auf. Prinz Blumenkohl lachte siegessicher und hieb mit seinem Schwert auf Johann von Polen ein. Doch jedes Mal wich dieser spielerisch und katzengleich aus und das Schwert des Prinzen durchschnitt nur die Luft. Johann von Polen spielte dieses Spiel fünf Minuten lang, dann war Prinz Blumenkohl völlig verausgabt und keuchte nach Luft. Mit einer langen ausholenden Bewegung ließ Johann von Polen den Ast durch die Luft sausen und traf den schrecklichen Prinzen Blumenkohl genau am Kopf. Dieser ging sogleich zu Boden wie ein zweibeiniger Stuhl. Schnell war Prinz Blumenkohl gefesselt und die Schlacht somit gewonnen. Jubelnd stürzten der König und seine Gefolgsleute aus der Burg heraus, um die Blauhüte zu beglückwünschen und mit ihnen den Sieg zu feiern. Der König fiel aus Dankbarkeit für seinen Einsatz vor Johann von Polen auf die Knie und sagte: „Werter Johann von Polen, noch nie habe ich einen Mann so tollkühn, mutig und elegant kämpfen sehen, wie euch heute zu dieser Stunde. Erlaubet mir bitte euer Gesicht zu sehen, damit ich weiß, wie der tapferste Ritter, den ich kenne, aussieht.“
Johann von Polen nahm den schweren Helm ab und sagte: „Bis du einen Mann so kämpfen siehst, wirst du wohl noch eine Weile warten müssen, Vater.“

Der König war zugleich wie vom Donner gerührt und wie vom Blitz getroffen. Vor ihm stand dat Prinzesschen. Es hatte kurze Haare und den Schatten eines Bartes, was bei näherer Betrachtung aber nur Ruß war. Nachdem er sich vom ersten Schreck erholt hatte, stand der König auf und schloss sein Prinzesschen in die Arme: „Mein verloren geglaubtes Prinzesschen, endlich hab ich dich wieder“, schluchzte der König vor Freude. „Du hast wirklich Unglaubliches geleistet, darum bleibt mir wohl nur noch Eines zu sagen. Bitte, knie nieder!“
Gesagt, getan, kniete dat Prinzesschen vor dem König nieder. Dieser hob das Schwert det Prinzesschens auf und schlug es feierlich zur Ritterin. Von da an war dat Prinzesschen die erste Ritterin des Königreiches und es lebte glücklich und kämpferisch bis an sein Lebensende.
Und die Moral von der Geschicht‘: Lass dir nicht einreden, dass du etwas nicht kannst, nur weil du eine Frau bist!

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