Dat Prinzesschen und die Schleiereulenentführung

Eule

  Es war einmal ein König, der lebte in einem sehr, sehr kleinen Königreich. Das Königreich war so winzig, dass es auf Landkarten meist nur als Schmutzfleck wahrgenommen wurde. Benutzer der Karten versuchten deshalb häufig, diese vermeintliche Verunreinigung wegzuwischen, wodurch der Name des Königreiches auf fast allen im Umlauf befindlichen Karten unlesbar war. So geschah es mit der Zeit, dass niemand mehr so genau wusste, wie das Königreich eigentlich richtig hieß, geschweige denn, wo es lag.

Der König hatte auch eine Tochter, die er gutmütig „dat Prinzesschen“ nannte. Die Königin war kurz nach der Geburt ihres Kindes im Wald Pilze suchen gegangen und hatte sich dabei verirrt. Als sie schließlich einen Weg aus dem Wald gefunden hatte und in ein kleines Dorf kam, nahm das Unheil seinen Lauf. Die Dorfbewohner hatten noch nie etwas von diesem Königreich gehört und konnten es auf keiner Karte finden. So verweilt die Königin bis zum heutigen Tag in dem Dorf und hat inzwischen sogar eine neue Familie gegründet. Dat Prinzesschen wuchs indes ohne Mutter auf, was es jedoch als nicht weiter schlimm empfand.

Dat Prinzesschen war ein ausgesprochener Bücherwurm. Am liebsten las es politische Bücher wie „1584“, „Der Tierbauernhof“ oder „Das komische Martinsfest“. In diesen Büchern wurde beschrieben, wie der kleine Mann hart arbeiten musste, um abends einen Schluck Suppe im Teller zu haben und wie sich gleichzeitig eine winzige Gruppe aus Herrschern und Adligen den ganzen Tag auf Kosten ebendiesen kleinen Mannes vergnügte.

Schon sehr früh begann dat Prinzesschen sich deshalb für die Rechte der Armen, Schwachen und Unterdrückten einzusetzen. Es verteilte Wurfblätter mit der Aufschrift „Der Weg zum Bauernstaat“, hielt auf dem Marktplatz flammende Reden über die Ungerechtigkeit des Diktats der Proleten und organisierte sogar kleine Demonstrationen für die Abschaffung der Leibeigenschaft. Wäre dat Prinzesschen irgendjemand gewesen, wäre es vermutlich von den Bürgern ignoriert worden. Da es aber die Tochter des Königs war, schenkte man dem Prinzesschen Gehör und Beachtung.
Dat Prinzesschen wuchs zu einer begnadeten Rednerin heran, die auf einem Holzpodest vor Leidenschaft förmlich sprühte, wenn es vor den einfachen Bürgern des Königreiches auftrat. Es konnte innerhalb von Minuten auch den letzten Zweifler von seinen Ideen überzeugen, sodass unter dem Volk schnell die „Flamme der Revolution“, wie dat Prinzesschen den heraufziehenden Wandel bezeichnete, umgriff.

Der König billigte das Verhalten seiner Tochter nur deshalb, weil er vermutete, es handle sich um eine vorübergehende Phase jugendlicher Auflehnung. Er dachte dabei an seine eigene Jugend zurück, in der er sich selbst dafür starkgemacht hatte, dass die Königsfamilie in einem herrschaftlichen Haus, statt in einer riesigen Burg wohnen sollte. Damit hatte er seine Verbundenheit zum einfachen Volk zum Ausdruck bringen wollen. Diese Phase ging aber schnell vorüber und der König war heute froh, damals auf seinen Vater gehört und sich für die Burg entschieden zu haben. Diese war nämlich sehr viel annehmlicher.

Mit der Zeit wuchs allerdings der Druck auf den König seitens der vermögenden Bürger, sodass er auf das Treiben seiner Tochter reagieren musste. Sie drängten ihn dazu, endlich dat Prinzesschen zur Räson zu bringen, wenn er nicht wollte, dass sie bald alle zusammen mit dem gemeinen Bauernvolk auf dem Acker schuften mussten.
Aus diesem Grund nahm sich der König in einer ruhigen Minute seine Tochter zur Seite und versuchte sie dazu zu bewegen von diesem „Unsinn“, wie er es nannte, abzulassen. Er appellierte an sie, sich doch mal auf der Pferderennbahn blicken zu lassen, anstatt auf dem Marktplatz kritische Reden zu halten, endlich Kuchen statt immer nur hartes Brot zu essen, und auch diese schmutzigen Arbeitshosen einmal abzulegen und gegen ihre parfümierten Kleider aus feinster Seide einzutauschen.

Dieser Appell verfehlte beim Prinzesschen jedoch die beabsichtigte Wirkung. Es wurde richtig wütend auf den Vater und beschuldigte ihn, sich mehr für Pferderennen als für die Belange seiner Bürger zu interessieren. „Künftig werde ich meine Anstrengungen verdoppeln“, drohte es noch, bevor es durch die Tür entschwand.
Von nun an traf es sich jeden Abend in der Kneipe „Zum ältesten Gewerbe der Welt“ mit Gleichgesinnten. Dort wurde beratschlagt, wie man dem ungerechten Feudalsystem ein Ende bereiten könne. Dat Prinzesschen erzählte den Bauern von seinem Traum von einem Königreich ohne König, in dem es keine Ungleichheit gab, in dem Adlige und einfache Bauern gemeinsam an einem Tisch saßen und in dem die Menschen nicht nach der Anzahl der Goldmünzen in ihrem Portemonnaie, sondern nach ihrem Gemüt beurteilt wurden.

Dat Prinzesschen hatte schließlich die Idee eines großen Marsches zur königlichen Burg um seine Forderungen lautstark geltend zu machen. Bedauerlicherweise bekam der König Wind von der Sache und war darüber gar nicht erbaut. So kam es, dass am Tag des Marsches dat Prinzesschen und seine Mitstreiter auf schwer bewaffnete Soldaten der königlichen Armee stießen, die sich vor der Burg aufgebaut hatten.

Dat Prinzesschen führte den Demonstrationszug an und schwenkte ein riesiges Bettlaken auf dem geschrieben stand: „Nieder mit dem König. Keine Pacht für Niemand“. Der König beobachtete die Demonstranten von seinem Burgfenster aus. Sein Blick glitt dabei immer wieder zum Prinzesschen und er schüttelte traurig den Kopf. Nie hätte er vermutet, dass sich seine eigene Tochter einmal so gegen ihn auflehnen würde. Unendlich enttäuscht, wie auch wütend, gab er seinen Soldaten ein Zeichen. Eine Trompete ertönte und sie marschierten mit gezückten Schwertern auf die Demonstranten zu. Erschrocken wichen diese zurück. Dat Prinzesschen merkte schnell, dass es diesen Kampf verlieren würde, wenn nicht gleich ein Wunder passierte. Als es sich hilfesuchend umblickte, sah es drei Meter entfernt eine rote Blume auf dem Rasen wachsen. Unweit daneben lagen ein paar Pferdeäpfel. Dat Prinzesschen lief schnell zu besagter Stelle und überlegte rasch, ob es die Blume als Zeichen des Friedens pflücken sollte, entschied sich dann aber anders und hob einen Pferdeapfel auf.

Den herannahenden bewaffneten Männern rief es zu: „Wenn ihr Gewalt wollt, sollt ihr sie kriegen!“ und schleuderte den Pferdeapfel auf einen jungen Soldaten. Der Pferdeapfel traf ihn genau ins Gesicht. Der Soldat ließ sein Schwert fallen und wischte sich mit dem Ärmel seiner Uniformjacke über die Augen.
Die Demonstranten johlten vor Freude und sammelten Ziegenscheiße, Eselskacke, Schweinekot, Gänseschiss, Kuhfladen, Katzenfäkalien und alle anderen Ausscheidungen vom Boden auf und schleuderten die stinkende Masse auf die Soldaten. Ein wahrer Regen von Tierexkrementen ergoss sich über die königliche Armee. Die Soldaten gerieten in Wut und die Situation damit außer Kontrolle. Mit schwingenden Schwertern preschten sie auf die Demonstranten zu, die in alle Richtungen auseinanderstoben.

Die Soldaten lieferten sich mit den Demonstranten ein Fuchs-und-Hase-Spiel und zahlreiche Bürger wurden festgenommen. In einem kleinen Hinterhof trieben ein Dutzend Soldaten fünf Demonstranten in die Enge. Einer hatte sogar einen Hund dabei, der auf den Namen „Bello“ hörte. Als die Demonstranten sich anschickten, die Flucht zu ergreifen, versuchten die Soldaten sie festzuhalten. Im folgenden Gerangel trat ein Soldat versehentlich auf Bellos Pfote, worauf der Hund laut aufjaulte und zu seinem Besitzer humpelte. Dieser nahm den Hund auf seinen Arm und blitzte die Soldaten wütend an. Selbst ein Laie konnte erkennen, dass die Pfote gebrochen war. Den Soldaten stand der Schock ins Gesicht geschrieben und sie ließen sogleich ihre Schwerter sinken. Die Nachricht von der gebrochenen Pfote verbreitete sich wie im Flug. Der König ordnete sogleich den Rückzug seiner Armee an, und auch die Demonstranten machten sich auf den Heimweg.

Noch am gleichen Abend traf sich dat Prinzesschen mit einigen seiner engsten Mitstreiter. Heftig wurde debattiert, was zu tun sei. Nie hätte einer der Anwesenden geglaubt, dass der König so weit gehen würde, ein wehrloses Tier zu verletzen. Umso radikaler plädierten die meisten der Teilnehmer für Vergeltungsmaßnahmen und überstimmten damit die wenigen, die zu Vernunft und Besonnenheit mahnten. Am Lautstärksten argumentierte dat Prinzesschen dafür, es dem König und seinen Soldaten heimzuzahlen, weil dies der einzige Weg war, das verbrecherische System zu stürzen. Schließlich war auch der letzte Unentschlossene überzeugt, und zusammen gründeten sie die Gruppe „Rache am Feudalsystem“.

In den folgenden Wochen verbreitete die Gruppe Angst und Schrecken im kleinen Königreich. Zuerst brachen dat Prinzesschen und ein paar weitere Mitglieder in die königliche Schatzkammer ein und stahlen so viel Gold, wie sie tragen konnten. Dann gingen sie dazu über, des Nachts Kutschen anzuzünden, Soldaten aus dem Hinterhalt mit Küchenabfällen zu bewerfen und die Burgfenster mit Steinen zu zerstören.

Der König zeigte sich davon unbeirrt. Er befahl, jeden Widerstand sofort im Keim zu ersticken und verbot die Gruppe. Die Mitglieder ließ er durch seine Soldaten erbarmungslos jagen, und nach und nach konnte einer nach dem anderen dingfest gemacht werden. Die Gefangenen wurden im berüchtigten Burgkerker in Einzelzellen gesperrt und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen bewacht. So lichteten sich zunehmend die Reihen um dat Prinzesschen. Bald verlor es auch den Rückhalt in der Bevölkerung, da die Leute die Gewalt satt hatten.

In seinem Eifer glaubte sich dat Prinzesschen aber immer noch auf dem rechten Weg. Gemeinsam mit seinen letzten verbliebenen Mitstreitern brütete es einen Plan aus. Sie wollten den Lieblingsvogel des Königs, eine Schleiereule, entführen, um damit die Gefangenen freizupressen.
Angeführt vom Prinzesschen schlichen sie sich deshalb eines Nachts an den Wachen vorbei in die königliche Burg. Die besagte Schleiereule lebte in einem großen Käfig im Schlafgemach des Königs. Vorsichtig öffnete dat Prinzesschen die Tür zum Schlafgemach und schlüpfte mit seinen Mitstreitern hinein. Der König schnarchte so laut wie eine Säge. Auf Zehenspitzen schlich sich dat Prinzesschen zum Käfig und öffnete vorsichtig die Tür. Die Schleiereule gurrte fröhlich und hüpfte auf die ausgestreckte Hand det Prinzesschens. Aus seiner Tasche holte es flink einen Zettel und legte ihn in den Käfig. Darauf stand „Die feudalen Jahre sind vorbei“.

Als sie sich alle aus dem Staub machen wollten, wurde der König plötzlich wach. Er blinzelte in die Dunkelheit und sah dat Prinzesschen mit seiner geliebten Schleiereule. Entsetzt rief er: „Oh nein! Bitte, tu ihr nichts an! Du weißt doch, was mir die Eule bedeutet.“
Dat Prinzesschen blickte erschrocken seinen Vater an. Der König sprang aus den Federn, war in drei Schritten bei ihm und griff nach der Schleiereule. Reflexartig zog dat Prinzesschen seine Hand zurück, wodurch die Schleiereule das Gleichgewicht verlor und herunterkippte. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Schleiereule handelte, sondern um eine, die der seltenen Gattung der Flugverweigerungsvögel angehörte. Noch im Fall drehte sie sich (ein weiteres Merkmal dieser seltenen Schleiereulenart), sodass sie mit dem Kopf zuerst auf den Boden aufschlug. Die Schleiereule war auf der Stelle tot.

Der König fiel auf die Knie und schluchzte. Beim Anblick seines weinenden Vaters liefen auch dem Prinzesschen Tränen über die Wangen. Es hatte die Schleiereule selbst sehr geliebt und noch vor einem Jahr wäre es undenkbar gewesen, dass es dem Vogel auch nur eine Feder gekrümmt hätte. Dies wurde ihm in diesem Moment klar. Es kniete sich neben seinen Vater und nahm ihn in die Arme. Gemeinsam weinten sie ob des Verlustes der Schleiereule.
Der Vater verzieh dem Prinzesschen, und die Gruppe „Rache am Feudalsystem“ löste sich auf, nachdem alle Gefangenen entlassen worden waren. Dann läutete der König gemeinsam mit dem Prinzesschen lange aufgeschobene Reformen ein, die das Leben der einfachen Leute nachhaltig verbessern sollten.
Und die Moral von der Geschicht‘: Mit Schweinekot wirft man nicht!

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