Dat Prinzesschen 2.0

Briefkästen

Es war einmal ein König, der lebte in einem Königreich, welches ständig seine Form veränderte. Schuld daran waren die Bauern, die je nach Belieben ihre Weidefelder neu absteckten. So war das Königreich im Sommer, wenn frisches saftiges Gras auf den Wiesen wuchs, größer als im Winter, wenn die Bauern ihre Schafe und Kühe in Ställen unterbrachten. Noch hatten sich die Nachbarkönigreiche nicht über die ständigen Landerweiterungen und Landrückgaben beschwert, vermutlich aus Unwissenheit über das Treiben der Bauern.

Der König hatte auch eine Tochter, die er liebevoll „dat Prinzesschen“ nannte. Die Mutter det Prinzesschens war einst eine gertenschlanke Frau gewesen, ein regelrechter Pinselstrich in der Landschaft. Nach der Geburt det Prinzesschens hatte sie jedoch ein unglaublicher Appetit ereilt und fortan eine Torte nach der anderen verschlungen. Schnell stieg ihr Gewicht proportional zur verspeisten Tortenmasse an. Schließlich wurde sie so unvorstellbar dick, dass der König sie in ein Trainingslager für Übergewichtige schickte, wo sie bis heute mit dem Tortenentzug kämpft. So wuchs dat Prinzesschen ohne Mutter auf, was jedoch nicht weiter bedenklich war.

Dat Prinzesschen war im Königreich allseits beliebt. Dies lag nicht nur an seiner Schönheit und Anmut, sondern vor allem an seiner einnehmenden und umgänglichen Art. Es war ein aufmerksamer Zuhörer und immer zur Stelle, wenn jemand seine Hilfe brauchte. In diesem Zusammenhang soll noch erwähnt werden, dass dat Prinzesschen immer wusste, wo im Königreich gerade der Bär krähte und der Hahn steppte. Es hatte die besondere Gabe, aus jeder noch so lahmen Hochzeit ein rauschendes Fest zu machen, weswegen es auf jeder Feier ein gerngesehener Gast war.

Jeder wollte mit dem Prinzesschen befreundet sein und viel Zeit an seiner Seite verbringen. Dat Prinzesschen genoss natürlich seinen Status und seine Beliebtheit, war aber keinesfalls eingebildet oder dergleichen. Es versuchte, jedem seiner Freunde und Bekannten die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken und sie spüren zu lassen, dass sie ihm wichtig waren. Aber natürlich ging dies gründlich in den Reifrock. Dat Prinzesschen konnte schließlich nicht auf zwei Erntedankfesten gleichzeitig tanzen oder sich die Beziehungsprobleme seiner besten Freundin Konstanze anhören, während es seinem Onkel Helmut ein Wirtshaus für ein nettes Abendessen empfahl. Wohl oder übel kam es nicht umhin, seine Mitmenschen gelegentlich zu enttäuschen. Einmal trug es sich zu, dass sich dat Prinzesschen gleichzeitig mit fünf Freunden an fünf verschiedenen Orten verabredet hatte und alle Freunde vergeblich warteten, weil es sich hoffnungslos verzettelt und die Treffen schlichtweg vergessen hatte.

Glücklicherweise war dat Prinzesschen recht erfinderisch und musste nicht lange nachdenken, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Jede Nacht schrieb es im stillen Kämmerlein all jenen einen Brief, für die es tagsüber keine Zeit gehabt hatte. Am nächsten Morgen legte es die Briefe in einen großen Weidenkorb, der an der Burgmauer stand, und seine Freunde konnten sich ihre Nachrichten einfach abholen. Natürlich schrieben sie dem Prinzesschen auch Briefe zurück, sodass der Korb oft vor Nachrichten überquoll und das Weidengeflecht zu bersten drohte. Häufig waren so viele Briefe im Korb, dass man eine dreiviertel Ewigkeit suchen musste, bis man seinen gefunden hatte. Daher brachten die Bürger einfach eigene Briefkästen an der Burgmauer an, sodass diese bald über und über mit Kästen in allen möglichen Farben, Formen und Größen übersät war.

Dies zog nun ein weiteres Problem nach sich, denn fortan suchte man nicht mehr nach der richtigen Nachricht, sondern nach dem richtigen Briefkasten. Es waren einfach zu viele. Aber auch dafür hatte dat Prinzesschen bald eine Lösung parat, es klebte nämlich einfach ein Bild von sich auf den Briefkasten und so sah man schnell, wem der Briefkasten gehörte. Die anderen Briefkastenbesitzer taten es ihm gleich und fortan hieß die Burgmauer im Volksmund nur noch Gesichtermauer.

Die Gesichtermauer entwickelte schnell ein Eigenleben. Vom kleinen Tagelöhner bis zum König besaß bald jeder im Königreich seinen eigenen Briefkasten samt Bild an der Mauer. Ständig besuchten die Leute ihren Briefkasten und schauten nach, ob sie vielleicht schon einen neuen Brief bekommen hatten. Waren früher die Kneipen und Wirtshäuser im Königreich so laut gewesen, dass man kaum sein eigenes Wort verstanden hatte, so hörte man jetzt nur noch das Kratzen von Federn auf Papier, weil die Bürger ständig damit beschäftigt waren, neue Briefe zu schreiben. Natürlich war es sehr zeitaufwendig, wenn man all seinen Freunden mitteilen wollte, was man gerade machte oder vorhatte. Im Falle det Prinzesschens bedeutete dies beispielsweise, dass es 492 Personen schreiben musste, um ihnen zu sagen, dass es krank war oder beabsichtigte, dem Starkbieranstich am nächsten Sonntag beizuwohnen. Aber auch dafür gab es, dank des Erfindergeistes det Prinzesschens, eine einfache Lösung. Statt 492 Briefe zu schreiben, hing es einfach einen kurzen Zettel mit den Worten „Fühle mich katzenelend und liege im Bett“ unter das Briefkastenbild. So konnten sich alle seine Freunde selbst informieren, wenn sie wollten.

Diese Kurznachrichten erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Die Bürger brachten sie zu allen möglichen Gelegenheiten unter den Briefkästen an, beispielsweise um jemandem zum Geburtstag zu gratulieren, seine Gemütsverfassung preiszugeben oder den Leuten einen vermeintlich wichtigen Gedanken mitzuteilen.

Leider nutzten einige diese Kurznachrichten auch auf andere Weise, die dat Prinzesschen so nicht beabsichtigt hatte. Los ging alles mit einem Wirtshausbesuch von Onkel Helmut. Da der Wirt einen schlechten Tag hatte, bekam der Onkel ein angekohltes Schweinenackensteak mit harten Kartoffeln und wässrigem Gemüse. Er war darüber so erbost, dass er auf seinem Heimweg am Briefkasten des Wirts eine sehr verletzende Nachricht hinterließ, deren Wörter so abstoßend waren, dass sie hier nicht wiedergegeben werden sollen. Um seinem Ärger weiter Luft zu machen, bewarf er den Briefkasten des Wirts mit Hundescheiße. Als im Morgengrauen die ersten Bürger kamen, um ihre Briefe abzuholen, sahen sie die Sauerei auf dem Briefkasten des Wirts und lasen die abscheuliche Nachricht. Da Onkel Helmut nicht der einzige war, der vom Wirt schon mal ein schlechtes Essen serviert bekommen hatte, warfen auch andere Bürger Fäkalien auf den Briefkasten des Wirts und hinterließen beleidigende Nachrichten. Der Wirt war darüber so verärgert, dass er seinen Briefkasten unverzüglich abmontierte und auch nie wieder einen neuen anbrachte. Dies war jedoch nichts gegen das, was noch folgen sollte.

Eines Nachts ging dat Prinzesschen bei leichtem Nieselregen zur Gesichtermauer, um noch schnell die letzten Briefe des Tages einzuwerfen. Im schummrigen Licht der Laternen sah es eine große Frau mit rotem Umhang die Mauer entlangeilen und an einem Briefkasten stehen bleiben. Dat Prinzesschen spürte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging und versteckte sich schnell hinter dem dicken Stamm der Burgeiche, um das Treiben der Fremden zu beobachten. Die Frau hatte einen großen Ring bei sich, an dem unzählige Schlüssel befestigt waren. Sie suchte kurz nach dem richtigen Schlüssel und öffnete dann einen Briefkasten. Mit nervösem Blick schaute sie um sich, nahm die Briefe heraus, las sie rasch und legte sie danach wieder zurück in den Briefkasten. Das tat sie auch bei einigen anderen Briefkästen, beispielsweise an dem det Prinzesschens.

Hätte dat Prinzesschen alleine in der Dunkelheit nicht solche Angst gehabt, hätte es die Frau sicherlich zur Rede gestellt. Aber so kauerte es sich nur noch dichter an den harten Stamm der Burgeiche und war mucksmäuschenstill. Es musste daran denken, dass die Frau bestimmt den Brief seiner besten Freundin Konstanze gelesen hatte. Nur Konstanze hatte dat Prinzesschen anvertraut, dass es in den Prinzen Fußpilz Hals über Stirn verliebt war und ihn regelrecht anhimmelte. Nun war das Geheimnis keines mehr und das Herz det Prinzesschens verkrampfte sich bei dem Gedanken.
Schließlich verschwand die Frau mit dem roten Umhang in den Schatten der Nacht. Noch lange verharrte dat Prinzesschen hinter der Eiche und lauschte den nächtlichen Geräuschen. Dann fasste es all seinen Mut zusammen, kam hervor und rannte flugs nach Hause. Die Briefe warf es nicht mehr ein, da es nun wusste, dass jemand mitlas.

Am nächsten Morgen begab sich dat Prinzesschen als erstes zum König, um ihm von dem Vorfall der letzten Nacht zu berichten und sogleich die Suche nach der Fremden einzuleiten, um sie festnehmen zu lassen. Als es jedoch die privaten Gemächer des Königs betrat, konnte es kaum seinen Augen trauen. Sein Vater unterhielt sich dort angeregt mit ebendieser Frau, die es letzte Nacht gesehen hatte.

Als der König aufschaute und dat Prinzesschen erblickte, lächelte er. „Prinzesschen, was für eine schöne Überraschung. Wie geht es dir mein Kind? Darf ich dir die Gräfin von Winterstein vorstellen?“. Die Gräfin erhob sich und ging auf das vor Schreck erstarrte Prinzesschen zu, reichte ihm die Hand und sagte mit einer Stimme, die einen Engel verzückt hätte: „Schön dich kennenzulernen. Dein Vater hat mir schon viel von dir erzählt und von der Gesichtermauer, die du erfunden hast.“ Mit weit aufgerissenen Augen musterte dat Prinzesschen sein Gegenüber. Die Gräfin von Winterstein war unglaublich schön. Sie hatte langes, blondes Haar und stahlblaue Augen, die klarer waren als Smaragde.

Zaghaft schüttelte dat Prinzesschen die Hand der Gräfin, die trotz der weißen Handschuhe eiskalt war. Die Gräfin wandte sich wieder dem König zu und säuselte: „Leider muss ich mich schon verabschieden, mein Liebster. Ich habe gleich noch eine Audienz bei unserem geschätzten Bischof Richard.“ Die Gräfin deutete einen leichten Knicks an und machte sich auf den Weg.

Sobald sie das Gemach verlassen hatte, sprudelten die Worte nur so aus dem Prinzesschen hervor. Atemlos erzählte es dem König, was es letzte Nacht beobachtet hatte und riet ihm, sofort seine Wachen loszuschicken, um die Gräfin dingfest zu machen. Der König hörte seiner Tochter ein Weilchen zu und erklärte ihr milde lächelnd: „Aber, aber, mein Prinzesschen, das weiß ich doch längst. Was glaubst du denn, wer das angeordnet hat? Ich als König muss doch wissen, was in meinem Reich vorgeht, und die Gesichtermauer ist einfach wie geschaffen dafür. Das ist auch im Interesse der unbescholtenen Bürger, das versichere ich dir.“

Dat Prinzesschen fiel aus allen Wolken. Sein eigener Vater ließ seine Untertanen bespitzeln und dazu noch seine eigene Tochter? Hätte es diese Ungeheuerlichkeit nicht aus des Königs Mund erfahren, hätte es das nicht für möglich gehalten. Nun wusste es, was zu tun war. Ohne den Vater eines weiteren Blickes zu würdigen, rannte es zur Gesichtermauer und schraubte unter den missbilligenden Blicken der umstehenden Leute seinen Briefkasten ab. Als nächstes verfasste es eine Bekanntmachung, in der es schilderte, dass der König alle Bürger ausspionierte und man bloß aufpassen solle, was man in seinen Briefen schrieb. Diese schlug es an das Burgtor an.

Fantasten, Frohnaturen und Floristen denken jetzt vielleicht, dass es einen Aufschrei unter den Bürgern gegeben hätte und der König am Ende gestürzt worden wäre; dass die Leute fortan ihre Briefe allesamt versiegelten und dass jeder entlarvte Spion sich am Galgen wiederfand. Aber nichts dergleichen geschah. Das Volk war natürlich ein wenig aufgebracht, aber die Empörung ließ ebenso schnell nach, wie das Jucken eines Mückenstichs. Als der König auch noch verlautbarte, dass er die Bürger nur deshalb überwachte, um sie vor den bösen Exkremisten (das waren Menschen, die unschuldige Bürger mit Fäkalien bewarfen) zu schützen und die Affäre damit für beendet erklärte, verflog jegliches Interesse wie die besagte Mücke, die gestochen hatte.

Dat Prinzesschen konnte die Ignoranz und Einfältigkeit seiner Mitmenschen nur schwer ertragen und wanderte aus dem Königreich aus. Es war dort ohnehin nicht mehr gern gesehen. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass die Gräfin von Winterstein im Auftrag von Bischof Richard auch den Briefkasten des Königs ausspioniert hatte. Als der König davon erfuhr, war er außer sich vor Wut, was dat Prinzesschen mit einiger Genugtuung verfolgte. Aber dies ist eine andere Geschichte…
Und die Moral von dieser Geschicht‘: Das Essen zu vieler Torten führt zu Übergewicht!

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